Critical Mass Berlin: In der Oranienstraße der Sonne entgegen. Foto: Tim Sauer
Berlin

Critical Mass: Mit dem Rad durch Berlin

Nur für Radfahrer, lautete der Leitsatz bei der Critical Mass. Immer am letzten Freitag des Monats treffen sich weltweit gleichgesinnte Radfreunde, um sich gemeinsam in Bewegung zu setzen und ihre Stadt mit dem Rad zu durchqueren. In Berlin ist am Heinrichplatz in Kreuzberg der übliche Treffpunkt. Aufgrund des großen Andrangs wurde dieser am 27. Juni 2014 vorab auf den Mariannenplatz ausgeweitet.

Ein Erlebnisbericht zu meiner Premiere im Juni 2014.

Was ist Critical Mass? Noch nie gehört, doch nach dem ersten Lesen, klingt es rund: Im Pulk gemeinsam durch die Stadt radeln. Weitere Recherchen ergeben, morgen ist es in Berlin soweit. Na dann, rauf aufs Rad und los. Am Heinrichplatz treffe ich einige Radler, die mich einen Platz weiterleiten. Dort erwarten uns zahlreiche Streifenwagen und hunderte entspannt wartende Radfahrer auf der Wiese und drum herum. Nach etwas Smalltalk und einem ersten Austausch mit erfahrenen CM-Teilnehmern läutet ein buntes, zeitgleiches Klingeln den Start ein. „Los, eure Freunde warten schon“, ruft ein motorisierter Beamter von seinem Motorrad. Kurz nach 20 Uhr. Wir biegen in die Oranienstraße und folgen der Sonne. Das Peloton wirkt unendlich und der Kopf des Pulkes ist in der Weite nur zu erahnen, die Stimmung ist locker, entspannt und teilweise auch sportlich anmutend. Das Repertoire an Rädern und Teilnehmern ist so vielfältig wie der Kiez, den wir durchfahren. Von Fixies, Fat-Bikes, Lasten-, Holz- und Minirädern ist alles vertreten. Ebenso bunt ist das Feld, von jung bis alt, von Einheimischen bis Touristen, sportlich Ambitionierten oder entspannten Mitrollern, von Fahrern der ersten Stunde bis zu vielen neuen Premierenfahrern, wie mich. Grob gesagt: Nicht motorisierte Bewegungsbegeisterung, Leute treffen und gute Laune verschmelzen in einem Ziel, gemeinsam Rad zu fahren.

Critical Mass Berlin

Unsere von unterschiedlichster Musik begleitete Tour führt uns die nächsten knapp zweieinhalb Stunden etwa 40 Kilometer im Urzeigersinn durch Berlin. Begleitet werden wir von einer Polizeieskorte, die uns den Weg an Kreuzungen frei hält und auch mal die falsche Route ausgibt. „Wohin fahrt ihr eigentlich“, fragt ein Polizeibeamter zwischendurch irritiert. Im Critical Mass bestimmt einzig die Masse die Richtung. Wer vorne fährt, lenkt. An Ampeln überqueren wir als „geschlossener Verband“ mit mehr als 15 Personen vorschriftsmäßig nach Straßenverkehrsordnung (§ 25 Verbände) auch nach Umspringen auf rot die Kreuzung. Fußgänger und Pkws warten zwangsläufig und zum großen Teil verständnisvoll, der motorisierte Verkehr ruht. Viele Passanten an den Straßen winken, staunen und verfolgen das über 3.000 Personen (nach Angaben des Einsatzleiters der Polizei) zählende Radlerfeld.

Tunnel, Großer Stern und Applaus

Höhepunkte der Fahrt sind der Autotunnel am Alexanderplatz und der abschließende Große Stern mit zigfacher Umrundung der Siegessäule. Zuvor wurde Friedrichshain, Treptow, Neukölln, Schöneberg und schließlich der Kurfürstendamm in beide Richtungen befahren, um am Breitscheidplatz vor dem Europa-Center die Räder traditionell (Woher auch immer diese Tradition stammt?) kopfüber in die Luft zu strecken. Ein typisches Ritual für einen Critical Mass, wie viele Bilder bei meinen vorläufigen Recherchen zeigten. Zum Abschluss des Abends bedankt sich der aufgeschlossene Einsatzleiter der Polizei bei allen Teilnehmern über seine Lautsprecher und bekam prompt einen, nicht zu erwarteten, Applaus und Klingeln gespendet. Das zwischenzeitlich auf eine Strecke von fünf Kilometer angewachsene Feld verteilt sich ab diesem Moment in alle Himmelsrichtungen in die Berliner Nacht. Ab jetzt gilt in kleiner Gruppe wieder der Radweg oder der schmale Fahrbahnrand als einzuhaltende Spur.

Polizist: Besser als Staatsbesuch

Was bleibt sind die netten Gespräche mit verschiedensten Teilnehmern während der Tour, die neuen Eindrücke dieser rollenden und selten erlebten Bewegung sowie die Lust demnächst mal wieder gemeinsam durch die Stadt zu radeln. „Besser als Staatsbesuch“, kommentierte ein Polizist während der Fahrt seinen Einsatz knapp. Auf die Frage, wie sich die Gemeinschaft vernetzt und zusammenfindet, ist das Social Web als ein großer Faktor zu nennen. Doch auch das Radio, am Freitagmorgen sprach radioeins vom RBB darüber, sowie verschiedene Fachzeitschriften und Blogs berichten vermehrt über das Phänomen, das Anfang der 1990er in den USA wortwörtlich ins Rollen kam.

Für weitere Lektüre zum Thema empfehlen ich Wikipedia, den aktuellen ZEIT-Artikel sowie die Webseite der Critical Mass Berlin von Bernd-Michael Paschke.

Vielen Dank für die Fotos von Tim Sauer.

Wer Radfahren liebt, sollte unbedingt mal mitgefahren sein!

Standort

Ein Beitrag von

Martin

Selten gehe ich ohne Kamera aus dem Haus und habe so die Welt vor der Linse. In meinem Blog findest du viele Fotos und Fundstücke aus Berlin, Warnemünde von anderen Standorten in Deutschland und meinen Reisen durch die Welt. Neben meinen Presseartikeln und Veröffentlichungen habe ich meine liebsten Web-Lieblinge zusammengestellt.

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